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Bewegung beim Segen

Prof. Dr. Matthias Remenyi sprach im ÖZ über den Streit rund um Segensfeiern für homosexuelle und "irreguläre" Paare

„Fundiert informieren“, das ist eines der Grundanliegen des Freundeskreis des Ökumenischen Zentrums. Das gilt auch für die Diskussion rund um Segensfeiern für homosexuelle Paare und die im Dezember 2023 vom Vatikan veröffentlichte Erklärung „Fiducia supplicans“. All das – so Dr. Jochen Scheidemantel – werde in der Presse oft verkürzt, polemisiert, verfälscht. Umso dankbarer waren die Versammelten, dass Prof. Dr. Matthias Remenyi vom Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft der Universität Würzburg Licht ins Dunkel brachte. In seinem Vortrag skizzierte der Theologe, Diakon und Lengfelder die Zusammenhänge, erläuterte Inhalt und Bedeutung und zog ein richtungsweisendes Fazit. 

Was ist ein Segen? 
„Ein Segen liegt immer in einer Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit“, machte Matthias Remenyi eingangs deutlich. Denn: „Er ist mehr als ein Wunsch und transportiert den Vollzug des Wunsches auf eine seltsame, nicht-magische Weise mit.“  Als performativer Sprechakt wolle er Gutes zusprechen und die heilende Kraft Gottes vermitteln – für ausnahmslos alle Menschen.

Was vorher geschah
Ausgangspunkt des Streits um den Segen war die Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre am 22. Februar 2021 auf eine Zweifelsfrage (Responsum ad dubium). Demnach sind jegliche Segensformen an homosexuellen Paaren unzulässig, weil sie in objektivem Widerspruch zur Offenbarung Gottes stünden, es Verwechslungsgefahr mit dem Ehesakrament gebe und „irreguläre Verbindungen“ nicht auf den Plan des Schöpfers hingeordnet seien. 

Die Reaktion darauf war heftig. Bei der Aktion #liebegewinnt fanden am 10. Mai 2021 deutschlandweit Segnungsgottesdienste für alle Liebenden statt. Am 24. Januar 2022 forderte die Initiative „Out in Church“ in einem Manifest eine Änderung der Morallehre und ein Ende der Diskriminierung. Der enorme Druck führte in der Tat zu einer Veränderung des Arbeitsrechts. Ein Jahr später beschloss eine Zweidrittel-Mehrheit der deutschen Bischöfe bei der Versammlung des Synodalen Weges, dass zeitnah liturgische Feiern zu entwickeln und einzuführen seien.

Das rief erneute Zweifel auf den Plan. Papst Franziskus sprach sich dann im Juli 2023 für die kirchlichen Ehelehre aus, betonte aber auch die Pflicht zur pastoralen Fürsorge. Er brachte Segnungen ins Spiel, die nicht notwendig zur Norm werden müssten. Wieder hagelte es Kritik: Die Lehre der Kirche zur Homosexualität und das Verbot von Frauenordinationen seien unverhandelbar, warnte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Oktober 2023 die Deutsche Bischofskonferenz. Im Dezember 2023 gab das Dikasterium für die Glaubenslehre schließlich die heftig umstrittene Erklärung „Fiducia Supplicans“ heraus. 

Was steht drin?
Für Matthias Remenyi wagt das lehramtliche Dokument eine Quadratur des Kreises. Der Vatikan wolle die Segnung „irregulärer Paare“ ermöglichen, ohne deren Verbindung zu legitimieren und die Lehre zu verändern. Der theologische Kniff liegt in der Unterscheidung zwischen „liturgisch-rituellem“ und „pastoral-spontanem Segen“. Im einen Fall müsse der Segen dem Willen Gottes entsprechen wie in der Lehre festgeschrieben, und zwar ohne eine Überschreitung der sittlichen Legitimität. Der zweite Fall sei ein spontaner und freier Akt der Frömmigkeit außerhalb des liturgischen Rahmens. Diese Möglichkeit, so Remenyi, werde in § 31 eröffnet.

Der Grund für manche abwertende Formulierung mit Blick auf sogenannte „irreguläre Paare“ – insbesondere in der nachgeschobenen Pressemitteilung des Vatikans vom 4. Januar 2024 – liege  in den massiven Widerständen insbesondere aus Afrika, Nordamerika, Spanien sowie Teilen Nord- und Osteuropas gegen die Segnung von queeren Paaren, so Remenyi. Durch Zugeständnisse wolle man Kritiker gewinnen. Wichtig daran: Das Dokument lasse verschiedene Umsetzungen vor Ort zu, weil laut „Fiducia supplicans“ pastorale Segnungen von „Paaren in irregulären Situationen“ eben nicht Häresie oder Blasphemie seien, sondern die Menschenwürde verteidigen. 

Der Sichtweise von PD Dr. Thomas Neumann und Prof Dr. Noach Heckel, die solche pastoralen Segnungen als rein private Tätigkeit ohne fürbittendes Handeln der Kirche interpretieren und keine Veränderung der Lehre sehen, erteilt Remenyi eine Absage. Formulierungen wie „Ausdruck des mütterlichen Herzens der Kirche“ sowie die Spendung durch geweihte Amtsträger sprächen eindeutig dafür, dass pastoral-spontane Segenshandlungen gottesdienstliche Handlungen der Kirche sind. Auch wenn es kein von Rom approbiertes Formular oder liturgisches Buch gibt, habe „Fiducia Supplicans“ eine neue Norm gesetzt und Spielräume für den Ortsbischof eröffnet, wie es bereits beim Sterbesegen der Bistümer Würzburg, Rottenburg-Stuttgart und Speyer der Fall ist. 

Und wie sieht das in der Umsetzung aus?
In Deutschland haben ZdK und DBK am 4. April 2025 die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ herausgegeben. „Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich bemüht, das Dokument Fiducia Supplicans maximal benevolent zu lesen“, ist Remenyi überzeugt. Die Bistümer Limburg, Osnabrück und Trier haben die Handreichung in ihren Amtsblättern veröffentlicht und ihr damit einen verbindlichen Charakter gegeben. Kardinal Marx hat in einem gesonderten Schreiben für sein Bistum (München/Freising) die Umsetzung ausdrücklich empfohlen. In Würzburg ist das bisher nicht der Fall.

Papst Leo XIV. fährt eine differenzierte Linie. In einem Interview vom 18. September 2025 kritisiert er zwar die deutsche Praxis, aber er verbietet gottesdienstliche Segenshandlungen nicht generell, sondern nur deren förmliche Ritualisierung in von ihm so genannten „ritualisierten Segensfeiern“. 
Bei einer Pressekonferenz am 23. April 2026 betont er, dass die Einheit der Kirche nicht an sexuellen Fragen hänge und es darum gehen müsse, Wege zu suchen, unsere Einheit auf Jesus Christus zu gründen. 

Bilanz
Dass die Forderung des Synodalen Weges nach liturgischen Formularen nicht umgesetzt wurde, ist für Remenyi der Preis der Entsprechung zu Fiducia Supplicans. „Dennoch hat eine lehramtliche Verschiebung stattgefunden“, so der Experte. Die empörten Reaktionen von Teilen der Kirche belegen das. Zugleich werde die Innovation bewusst verschleiert, um Kontinuität zu wahren – ganz im Sinne einer Innovationsverschleierungs-Methode (Prof. Dr. Michael Seewald). „All das ist beschämend wenig für queere Paare“, schloss Remenyi und plädierte zugleich dafür, „das was geschehen ist, nüchtern zur Kenntnis zu nehmen und nicht stillzulegen und die Wege, die gangbar sind, beherzt und mutig zu beschreiten“.

Was sagt Lengfeld?
Die anschließende Diskussion war von großer Dankbarkeit und Anerkennung gegenüber Prof. Remenyi geprägt. Zugleich gab es viel Kopfschütteln: Die Sprache der Kirche sei kalt, der Streit „ein einziges Rumeiern“, „Wortklauberei“, „Bullshit“. Menschen würden verletzt und diskriminiert, es werde „Zeit, dass wir uns auf den Menschen konzentrieren“. Viele zeigten sich dankbar für den Mut des Würzburger Hochschulpfarrers Burkhard Hose und der Würzburger Augustiner. Erstaunen gab es darüber, dass gerade Deutschland den Haar-Riß anzettelt. Ein anderer Teilnehmer war verwundert „wieviel Arbeit und Zeit man in solche Fragen steckt. Jesus sagt das immer kurz und knapp“. Die Austrittswelle, die seit 20 Jahren durch die Republik rolle, habe viel damit zu tun, wie die Kirche mit solchen Fragen umgeht. Dennoch sei es wichtig, die die Geduld aufzubringen und sich auf die Spielregeln einzulassen, „um systemimmanent kritisieren zu können“, so Remenyi. Und schließlich: Der Streit um den Segen sei Ausdruck eines viel tiefer liegenden Problems, nämlich die Morallehre der Kirche. Das Auseinanderbrechen an dieser Frage sei die große Grundangst im Vatikan. Remenyi empfahl deshalb: „Geh deinen Weg, geh deinen Weg mit Gott, und lebe das, was du vom Evangelium begriffen hast!“

Anja Legge 

Buchtipp: Matthias Remenyi und Jochen Sautermeister (Herausgeber): Segensfeiern in der katholischen Kirche. Grundlagen und Reflexionen. Herder 2026. ISBN: 978-3-451-39881-0