Im Rahmen des Festjahrs „50 Jahre Ökumenisches Zentrum Lengfeld“ hat Dr. Agnes Slunitschek bei einem Vortragsabend Anfang Juli das Thema „Ökumene in Bewegung – global, lokal, zukunftsorientiert“ beleuchtet. Agnes Slunitschek ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Würzburg.
Zum Einstieg lieferte Slunitschek einen Rückblick zu den Anfängen der Ökumene: Die weltweite ökumenische Basisbewegung begann demnach mit dem ersten interkonfessionellen Weltgebetstag der Frauen 1897 in den USA. Als offizille Geburtsstunde der ökumenischen Bewegung gilt dann die erste Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh. 1948 wurde in Amsterdam der Ökumenische Rat der Kirchen (Weltkirchenrat) als weltweiter Zusammenschluss von rund 350 protestantischen, anglikanischen, orthodoxen und altkatholischen Kirchen gegründet. Die römisch-katholische Kirche trat erst 1964 in die ökumenische Bewegung ein. Ausgelöst worden war das durch den Perspektivwechsel des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen“, heißt es im Dekret „Unitatis redintegratio“.
Die Umsetzung dieses Aufbruches wurde unter anderem auf der Würzburger Synode 1975 besprochen, und in genau diese Zeit fällt auch die Gründung des Ökumenischen Zentrums in Lengfeld. Die Dokumente der wachsenden Übereinstimmung auf dem Weg der Ökumene füllen inzwischen dicke Bücher, so Slunitschek. Als wichtiger Meilenstein gilt die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ aus dem Jahr 1999. Darin stimmen beide Konfessionen darin überein, dass der Mensch das Heil allein aus Gnade und im Glauben an Jesus Christus empfängt, nicht durch eigene gute Taten. Im evangelischen Bereich habe es zudem viele Gespräche mit den reformierten, unierten und den evangelischen Freikirchen gegeben. Daraus entwickelten sich unter anderem Kanzel- und Abendmahlgemeinschaften bis hin zu Kirchengemeinschaften.
Die aktuelle Situation beschrieb Dr. Slunitschek mit „gefühlter Stagnation“. So leben in Deutschland seit 2023 mehr Menschen, die nicht katholisch oder protestantisch sind. Von den deutschen Christen sind 46 Prozent katholisch, 42 Prozent evangelisch. Dass sich Ökumene wie in Deutschland nur auf zwei große Kirchen reduziert, sei im Grunde ein Sonderfall. Weltweit spielen auch Freikirchen, Methodisten und Orthodoxe eine wichtige Rolle. Die Probleme der beiden christlichen Kirchen in Deutschland seien deshalb stets nur ein kleiner Teilaspekt der Weltkirche. Zur Ökumene gehöre vielmehr „ein umfassendes Verständnis der Pluralität des Christentums in einer globalisierten Welt“, verdeutlichte Sluitschek.
In Deutschland bleibe angesichts schwindender Mitgliederzahlen, fehlenden Personals und sanierungsbedürftiger Gebäude mittlerweile wenig Zeit für die Ökumene. Ganz praktisch stelle sich zudem die Frage, welches der klassischen Arbeitsfelder in den Fokus rücken soll: Lehrfragen, Konfessionskunde, Geistliche Ökumene oder die praktische Zusammenarbeit?
Dass Ökumene dennoch in Bewegung ist und durch gesellschaftliche Veränderungen bewegt wird, zeige sich sehr deutlich am Umgang mit konfessionsverschiedenen Ehen. Im Blick behalten solle man auch die so genannte GETI-Botschaft des Global Ecumenical Theological Institute vom 29. Oktober 2025, das die Kirche dazu aufruft, „ihrer prophetischen Berufung gerecht zu werden, den Mächtigen in all ihren Formen die Wahrheit zu sagen und dabei in Solidarität zu den Armen und Unterdrückten zu stehen“. Die gemeinschaftliche ökumenische Theologie dürfe dabei „nicht nur abstrakter Natur sein. Vielmehr ist es unsere Pflicht, Christus kenotisch zu verkörpern und uns für den anderen zu entäußern.“
Michael Legge

