Rund 40 Interessierte konnte der Vorsitzende des ÖZ-Freundeskreises Dr. Jochen Scheidemantel zum Theologischen Abend im Jubiläumsjahr begrüßen. Im Mittelpunkt standen dabei die Fragen: Wo steht der christlich-muslimische Dialog? Welche Erfahrungen prägen die Zusammenarbeit vor Ort? Und was verbindet die beiden Religionen, was unterscheidet sie? Veranstaltet wurde der Bildungsabend wieder in Kooperation mit der Katholischen Akademie Domschule und der Evangelischen Stadtakademie Rudolf-Alexander-Schröder-Haus.
Als „zertifizierte Brückenbauerin bezeichnete Moderatorin Katharina Eberlein-Braun die eine der beiden Expertinnen des Abends: Sultan Durak aus Nürnberg ist Teammitglied der Brücke-Köprü, einer kirchlichen Einrichtung, die seit über 30 Jahren den Dialog zwischen Christen und Muslimen umsetzt und pflegt. Ebenso intensiv im Thema ist Pfarrerin Mirjam Elsel; sie begleitet und unterstützt interreligiöse Dialogprozesse im Auftrag der ELKB.
Nach Ansicht von Sultan Durak ist der christlich-muslimische Dialog in vielen Städten und Gemeinden fest etabliert. Dies finde aber nicht mehr nur in Kirchen und Moscheen statt, sondern vor allem am Arbeitsplatz, in der Schule und den Familien. Für problematisch hält sie, dass auf muslimischer Seite vor allem Ehrenamtliche tätig sind, die ohnehin schon unter großen Belastungen leiden. Mirjam Elsel fügte hinzu: „Heute bieten auch nichtreligiöse Menschen interkulturelle Veranstaltungen an und viele befassen sich dabei zum ersten Mal mit ihrer eigenen religiösen Biographie.“ Wegweisend sind für sie viele positive Entwicklungen in der Dogmatik – etwa die Arbeitshilfen der Deutschen Bischofskonferenz zu den christlich-muslimischen Beziehungen, die erste islamische Fakultät in Münster, der wissenschaftliche Austausch von Theologen beider Religionen und Einrichtungen wie die Deutsche Islam-Konferenz, der Sozialdienst muslimischer Frauen oder das muslimische Bildungswerk in Bayern. Als positiv hob Elsel die zunehmende Zahl religionsverbindender Feier zum Beispiel um Frieden oder nach Krisen hervor.
Große Sorgen bereiten beiden Frauen zunehmender Antisemitismus und offene Islamfeindlichkeit. „Was Menschen erzählen, ist dramatisch“, so Elsel. Moscheen in den östlichen Bundesländern würden fast nur noch im Hinblick auf Sicherheit beraten. Ihr Rat an dort lebende Muslime im Falle einer AFD-Regierung: „Schaut, dass Ihr das Bundesland verlasst.“ Ein Lob gab es dabei für Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, der sich stark für Dialog und Präventionsarbeit einsetzt.
Doch vielfach stehen Muslime heute unter Generalverdacht: „Projekte werden gestoppt, Muslime gesellschaftlich ausgegrenzt“, so Elsel und Durak bestätigte: „Muslimische Frauen werden beleidigt, am Kopftuch gezogen, in Moscheeführungen kämen haarsträubende Fragen auf wie: Baut Ihr da Bomben?“
All das widerstrebt dem Wesen beider Religionen und ignoriert die vielen verbindenden Elemente. „Wir haben mehr gemeinsam als man denkt“, so Mirjam Elsel: „Gott ist größer als das, was wir fassen können – da sind wir uns sehr ähnlich. Wir sind geschaffen und aufeinander und auf Gott angewiesen, wir alle tragen Verantwortung, leben nach den Geboten von Fürsorge und Nächstenliebe.“ Nicht leugnen dürfe man dabei bestehende Unterschiede – etwa bei der Trinität oder den Jenseitsvorstellungen. Interreligiöser Dialog dürfe nicht dazu führen, „dass am Ende alles gleich ist“. Die Vielfalt sei Bereicherung und Herausforderung und muss gestaltet werden.
Bei der Frage nach der Stellung der Frau im Islam wurde rasch klar: „Im Koran ist die Frau als Geschöpf Gottes dem Mann völlig gleichberechtigt. Die Frage ist nur, was patriarchale Gesellschaften, Politik und herrschende Machtverhältnisse daraus machen.“ Und das gelte für Christentum und Islam in gleichem Maße. Spannend war auch der kurze Einblick in die vier Rechtsschulen des Islam, der zeigte: Auch innerhalb des Islam gibt es wie im Christentum eine enorme Vielfalt.
Wichtigster Rat der beiden Expertinnen an die Zuhörenden: „Wir müssen einander begegnen, wahrnehmen und zuhören. Erzählen wir einander von unseren Glaubensschätzen, unserer Sorge und unserer Hoffnung.“ Am Ende rief Durak, die in der dritten Generation in Deutschland lebt, eindringlich auf: „Geben Sie mir ein Gefühl von Zugehörigkeit! Hier ist mein Zuhause, für dieses Land fühle ich mich verantwortlich. Unterschiede dürfen sein, aber wir sitzen alle im selben Boot.“
Anja Legge










